Bloggt, ihr „einfachen“ Christen!

Kürzlich versuchte ich, Vikarinnen und Vikare unserer Landeskirche fürs Bloggen zu begeistern. Theoretisches Unterfutter liefert nun passenderweise der Artikel „Bloggen über den Glauben?“ von Antje Schrupp im Deutschen Pfarrerblatt 7/2013, S. 414-417 – neben dem Beitrag von Christina Costanza noch ein weiterer zum Themenfeld „Kirche und soziale Netzwerke“ in derselben Ausgabe!

Antje Schrupp geht von ihren eigenen Erfahrungen als Bloggerin aus: Angesichts der starken Präsenz kirchenkritischer Stimmen im Netz sah und sieht sie sich selbst oft herausgefordert, christliche Positionen zu erklären, Richtigstellungen vorzunehmen oder Hintergründe zu erläutern (S. 414). Den Paradigmenwechsel im Kommunikationsverhalten durch die sozialen Medien beschreibt sie folgendermaßen:

  • Mit dem Internet ist unbegrenzter Raum für Publikationen vorhanden. (414)
  • Nicht nur „Gatekeeper“-Medien können publizieren, sondern jeder und jede (414), „die Trennung zwischen ‚Produzent‘ und ‚Konsument‘ ist aufgehoben“ (415).
  • Das bedingt zugleich einen „Kontrollverlust“: „nicht mehr die Sender und Senderinnen von Informationen entscheiden, was relevant ist und was nicht, sondern die Empfängerinnen und Empfänger“ (414).
  • Diese verwenden verschiedene Filter (Suchbegriffe, thematische Newsletter- oder Feed-Abonnements), um sich die für sie relevanten Informationen passgenau auszuwählen. Sie haben die „Filtersouveränität“ inne. Darum „werden Inhalte im Internet nur relevant, wenn User sie aktiv aufsuchen“ (415).
  • „Interaktive Massenkommunikation“ ist möglich. Gespräche und Debatten im Internet finden öffentlich statt. (415)
  • „Bevorzugt wird der persönliche Austausch“, es gibt in den sozialen Netzwerken eine „Dynamik (…) weg von Inhalten hin zu Personen“ (416) – man verbindet sich auf Twitter und Facebook mit Menschen, nicht mit Themen. Institutionen haben deshalb „einen schweren Stand“ (ebd.).

Für die kirchliche Kommunikation im Netz zieht Antje Schrupp auch auf Basis ihrer eigenen Erfahrungen als Bloggerin folgende Konsequenzen:

  • Die herkömmliche Aufteilung in mit der öffentlichen Verkündigung Beauftragte (Pfarrerinnen und Pfarrer) und „einfache“, schweigende Kirchenmitglieder („Laien“) ist unter den Kommunikationsbedingungen des Internets „kaum aufrecht zu erhalten“ (416)
  • Für die klassische kirchliche PR ist es „schwieriger, Informationen zurückzuhalten“ und „schwieriger, Aufmerksamkeit für eine Information zu bekommen“ (415). „Was knapp und wertvoll ist, ist nicht mehr die Information als solche, sondern die Aufmerksamkeit“ (ebd.).
  • Manche Gemeinden und kirchlichen Einrichtungen haben sogar noch Nachholbedarf im Web 1.0, nämlich, was die Existenz oder die Inhalte einer Homepage angeht. (415)
  • Weil „kaum jemand, der nicht stark kirchenverbunden ist, einen dezidiert theologischen oder gemeindebezogenen Blog abonnieren“ wird, sollten Christinnen und Christen ihre Positionen als Kommentare auch auf Blogs und Seiten anderer einbringen, eben „zu den Menschen gehen“, auch im Netz (415). Das eigene Blog wird dadurch gerade nicht obsolet, sondern bietet die Möglichkeit, auf weitere gute Inhalte und Hintergrundwissen zu verlinken (vgl. ebd.).
  • Diese kleinteilige Kommunikationsaufgabe auf personaler Ebene kann nicht ausschließlich von „Professionellen“ bewältigt werden. Kirchlich Engagierte aus allen Bereichen sollten „selbst mit ihrer jeweiligen Kompetenz im Netz präsent und ansprechbar“ sein (416).
  • Schließlich weist Schrupp noch auf den Zeitfaktor hin – es dauert lange, auch im Netz, bis Vertrauen und Beziehungen gewachsen sind – sowie auf die Bedeutung von Authentizität und Wahrhaftigkeit. (416f.)
  • Die Aufgabe der Kirche als Institution läge dann vor allem in der Begleitung und Förderung etwa über Fortbildungsmaßnahmen. (417)

Drei Anfragen bzw. Anmerkungen habe ich meinerseits zu Antje Schrupps Ausführungen:

  • Ist der Beobachtung der „Umkehrung von Autorität“, nämlich dass die Äußerungen von „Kirchenoffiziellen“ wie Pfarrerinnen und Pfarrern im Internet leicht unter „Propaganda-Verdacht“ geraten (416), nicht auch der andere Pol gegenüber zu stellen: dass ihnen andererseits auch großes Vorschuss-Vertrauen entgegengebracht wird, wie sie es auch „offline“ erfahren? Und ist das nicht sogar ein Spezifikum, das ihnen doch noch einmal eine etwas herausgehobenere Rolle im Netz „beschert“? In unserem Artikel „Jenseits der Parochie“ (Deutsches Pfarrerblatt 2/2013) haben wir dementsprechend die These aufgestellt, „dass die wichtigsten Akteurinnen und Akteure der Kirchen in Social Media die Gemeindepfarrerinnen und -pfarrer sind“.
  • Dass man sich auf Twitter und Facebook mit Menschen, nicht mit Themen, verbinde, erscheint mir in dieser Formulierung zu ausschließlich. Es werden doch auch Unternehmens-, Politiker-, Film-, Musik-, Bibel-, andere Themen-Seiten auf Facebook sowie thematisch ausgerichtete Twitter-Listen in großer Zahl abonniert und deren Inhalte verfolgt. Die beste Chance für eine Institution wie die Kirche liegt zugegebenermaßen wohl nicht in der Facebook-Seite für die Institution, womöglich aber durchaus in gut gemachten Themenseiten.
  • Schließlich finde ich es reizvoll, die Beiträge von Christina Costanza und Antje Schrupp in Bezug auf das Thema „Kontrolle/Kontrollverlust“ miteinander ins Gespräch zu bringen. Schrupp zufolge ist der Kontrollverlust ein inhärentes Merkmal der Kommunikation in Social Media. Costanza zufolge ist das Gefühl der Kontrolle aber eine Bedingung für die Möglichkeit des „Flow“-Erlebens und damit für einen Glückszustand. Ist im Netz also doch kein Glück zu finden?

Antje Schrupp auf Twitter: @AntjeSchrupp
Antje Schrupps Blog: antjeschrupp.com

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5 Gedanken zu „Bloggt, ihr „einfachen“ Christen!

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  3. Hmm, also ich würd mal so ins Blaue hineinspekulieren, daß die Kirchenfernen zahlenmäßig im Netz stärker vertreten sind (oder stärker hervortreten? Vielleicht bin ich auch in den falschen Ecken unterwegs) als Kirchennahe. Und wenn man die dann nochmal unter die Lupe nimmt, dann treten vor allem die Nichtlandeskirchler hervor bis hin zu jenen, für die wir gar keine „echten“ Christen mehr sind. Ob angesichts dieser Zusammensetzung der „Netzbevökerung“ die (landeskirchlichen) Gemeindepfarrer diejenigen sind, denen besonders viel Vertrauen entgegengebracht wird, naja. Kommt aber wirklich drauf an. Bei WKW haben auch viele „normale“ Menschen ein Konto und bei Facebook, so höre ich (bin ja nicht mehr dort) nähert man sich auch eher dem gesellschaftlichen Durchschnitt an. Meine Oma (als Paradigma für einen Menschen, der dem Pfarrer erst mal vertraut) ist aber bei beiden nicht.
    Und mal unter uns: Wie viele Vikare bloggen denn in unserer Kirche?

  4. Huhu, bin gerade erst auf diesen Blogpost gestoßen, weil ich mich selber nochmal im Pfarrerblatt gegoogelt habe und da sah, dass es doch Kommentare gegeben hatte :))

    Zu deinen Punkten: Wahrscheinlich gibt es auch Leute im Netz, die Pfarrer_innen autoritätsmäßig „Vorschusslorbeeren“ geben, vermutlich existiert einfach beides nebeneinander. Muss sich ja auch nicht gegenseitig ausschließen, es kommt wohl darauf an, in welchen Szenen und Kreisen man unterwegs ist.

    Mir ging es ja eher um die Kirchendistanzierten. Die bringen dem Pfarrer zwar vielleicht auch Autorität entgegen, aber deshalb lassen sie sich mit ihm_ihr auch gar nicht auf Diskussionen ein, sondern heften das unter „geht mich nichts an“ ab. Ich habe da so Erfahrungen vor Augen wie mit Werbeagenturen, die man als kirchliche PR zu Kampagnen einlädt, und die dann Klischees präsentieren, von denen sie glauben, dass kirchliche Leute sie gut finden. Vielleicht weißt du, was ich meine. Es ist keine offene Diskussion, weil man von „Kirche“ schon ein bestimmtes Bild im Kopf hat, das muss gar nicht negativ sein, aber es schafft Hürden.

    Das bringt mich auch zu deinem zweiten Punkt mit den Themen. Ja klar suche ich mir auch Dinge nach Themen aus, aber dazu muss ich zu diesen Themen ja schon eine Affinität haben. Die interessantsten neuen Themen kommen über Personen zu mir. Das hätte ich in dem Artikel noch genauer erklären können.

  5. Hallo Antje, schön, dass Du nach dieser Zeit noch hierher gefunden hast – der Long Tail macht’s möglich 🙂

    Das mit dem vorgeprägten Bild von Kirche im Kopf, das Hürden schafft, kann ich gut nachvollziehen (angefangen schon aus meiner Studienzeit … „DU?? studierst Theologie??“ 😉

    Gerade mit Werbeagenturen haben wir allerdings bessere Erfahrungen gemacht; das hängt wohl auch stark vom jeweiligen Umfeld ab (städtisch/ländlich geprägt, Größe der Landeskirche, Größe des Bundeslandes, regionale Verbundenheit …). Diejenigen, mit denen wir zusammenarbeiten, hören sich genau und gut an, was wir uns wünschen und kommunizieren wollen und machen dann auf Basis ihrer eigenen Kreativität meistens doch recht stimmige Vorschläge. Wenn am Ende Klischees dabei herauskommen, sind die doch eher auf unserem eigenen Kirchenmist gewachsen …

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